Mein Kalender soll für alle Fälle gut sein, Ferien-Feiertage-andere Länder-wichtige Geburtstage und Ereignisse, interessante Web-Links - gute Sprüche - viele Fotos und Bilder, Geschichten über meine Katzen, meine Menschen, meine Sachen. Tolle Reisen. Aktuelles, Musik und Humor.
Lass uns hier noch ein wenig in Mainz verweilen und die Geschichte des Doms ansehen, und ich erzähle Dir von meiner ersten, ein wenig eigenartigen Begegnung mit dem Domherrn Kardinal Karl Lehmann.
Dieses Video aus der Serie „Terra X“ ist so spannend, ich wollte erst bloß mal reinsehen und konnte mich bis zum Ende nicht mehr losreißen! Das hat das ZDF klasse gemacht:
Meine Geschichte
Mainz, der 1000jährige Dom, Karl Lehmann und ich
Werner fand keine Arbeit mehr. Er hatte für Suff und Weibergeschichten eine ordentliche Summe „abgezweigt“. Er war ihr bester Programmierer gewesen, sie haben ihn gefeuert. Lang, lang suchte er eine neue Anstellung. Nicht vertrauenswürdig, er bekam keine Arbeit mehr. Mit anderen Langzeitarbeitslosen gründete er eine Selbsthilfegruppe, die regen Zulauf fand. Das war Mitte der Achziger Jahre. Werner war ein guter Bekannter von mir. Weil ich im Büro arbeitete, bat er mich, den Schriftkram für seinen Verein zu erledigen. Diese ehrenamtliche Aufgabe übernahm ich, meistens ein Mal wöchentlich.
Ich lernte in der Zeit eine Menge Arbeitssuchender kennen, die monate-, oft sogar jahrelang keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen waren. Sie alle wollten ernsthaft ihre Lage ändern. Es waren sehr unterschiedliche Menschen – gebildete und ungebildete - welche, die aufgrund einer Allergie nicht mehr ihren Beruf ausüben konnten – einer, der mit beiden Armen in eine Maschine geraten war und dessen Fleisch aussah wie durch den Wolf gedreht – Leute mit psychischen Problemen - ehemalige Drogensüchtige – Jugendliche, die schon Gefängnisstrafen abgesessen hatten – Diebe - Betrüger. Menschen, die sich selbst alles verbaut hatten. Alle Altersgruppen, meistens Männer. Es entstand in dem Verein eine Zweckgemeinschaft. Sie trafen sich regelmäßig, um der Einsamkeit in ihren Wohnhöhlen zu entgehen, diskutierten miteinander, kochten und aßen zusammen und machten Spiele.
Unsere Selbsthilfegruppe wurde als gemeinnützig anerkannt. So durften wir Spenden annehmen. Die Vereinsräume durften kostenlos benutzt werden. Das Ziel war, Menschen, die längere Zeit keine Arbeit hatten, wieder in eine geregelte Erwerbstätigkeit zu bringen. Dafür schrieb ich viele Briefe an Institutionen mit der Bitte um Unterstützung. Die bekamen wir, hauptsächlich von der Stadt Mainz sowie von der katholischen und der evangelischen Kirche. Es gelang, so manchen hoffnungslosen Fall unterzubringen.
Damals war im Mainzer Dom der Bischof Dr. Karl Lehmann seit kurzem im Amt. Bischof Lehmann engagierte sich sozial. So erhielt die Arbeitslosenselbsthilfegruppe seine persönliche Unterstützung. Er veranlasste, dass in den Vereinsräumen eine Schreinerwerkstatt eingerichtet wurde und schickte einen Lehrmeister, der Mönch und Schreinermeister war. Bei der Einweihung der Werkstatt war der Bischof zu Gast in den Vereinsräumen. Das Ereignis wurde von der Presse entsprechend gewürdigt. Tatsächlich brachte diese Maßnahme viel. Mit Feuereifer wurde in der Werkstatt gelernt. Mehrere Leute bekamen dadurch feste Arbeit.
Irgendwann kam es, dass mir einer nach dem anderen von einem neuen Mitglied der Gruppe erzählte. Sie nannten ihn „Das Bilderbuch“ und den hässlichsten Mensch unter der Sonne. „Der könnte höchstens als Kanalarbeiter Arbeit bekommen, denn sogar die Ratten würden bei seinem Anblick die Flucht ergreifen.“ Wochenlang hörte ich von ihm, ohne ihn kennen zu lernen. Allmählich war ich neugierig.
Ahnungslos hatte ich an der Tür zum Verein geklingelt, als Er mir öffnete. Ich machte einen Satz rückwärts und wäre fast die Treppe hinunter gefallen. Er grinste mich freundlich an. Ich sah keine einzige Stelle an ihm ohne Tattoo. Er hatte nur noch wenige Zähne und seine ca. 25 einzelnen Haare standen wirr ab. Aber das Schlimmste, auf seiner Glatze war ein Spinnennetz tätowiert und auf seiner Stirn prangte feist eine fette Spinne! Das Spinnennetz zog sich auch übers Gesicht. Au weia!
Nach dem Schreck gewöhnte ich mich an den Anblick und stellte fest, dass die anderen Recht hatten, „Bilderbuch“ war friedfertig und liebenswürdig. Er hätte alles dafür gegeben, sein entstellendes Kopf-Tattoo wieder los zu werden, aber das ging nicht.
Samstag Nachmittag. Fleissig war ich beim Briefe tippen und die anderen beim fernsehen oder spielen. Es klingelte an der Tür. Dann gleich erschien „Bilderbuch“ voll aufgeregt bei mir: „Du Xammi, ich hab eben einem die Tür aufgemacht, der hat noch nicht mal mit der Wimper gezuckt, als er mich sah!“ In der Tat war das aussergewöhnlich. Aber ich ließ mich nicht vom Schreiben abhalten.
Er: „Du Xammi, das ist aber kein Arbeitsloser. Bestimmt nicht. Der hat einen richtig teuren Anzug an“, fuhr Bilderbuch fort. Ich ließ ihn reden.
„Du Xammi, der ist irgendwie komisch. Ich glaube der ist schwul.“ Das Bilderbuch wurde immer aufgeregter. Nun wurde es mir langsam zu bunt. Ich fragte ihn: „Wieso meinst Du, er ist schwul? Hat er etwa DIR einen Antrag gemacht?“
„Nein, aber der hat sooo einen Riesenring am Finger. Der muss schwul sein!“
Ich konnte nichts entgegnen, weil in dem Moment der 1.Vorsitzende herein kam: „Xammi, komm doch bitte rüber zu uns. Wir haben Besuch vom Bischof. Er hat Kaffee und Kuchen mitgebracht und will, dass wir gemeinsam Kaffee trinken. - Und Du darfst auch dabei sein,“ sagte er zum Bilderbuch. Der sah aus, als wollte er in den Boden versinken.
„Von wegen schwul. Das ist der Bischofsring,“ ließ ich ihn abblitzen.
Der Bischof soll noch öfter bei „seiner Arbeitslosengruppe“ mit Kaffee und Kuchen hereingeschaut haben. Ich war nie mehr dabei.
Nun sind viele Jahre vergangen. Der Verein ist in einer größeren Selbsthilfegruppe aufgegangen. Dr. Karl Lehmann war jahrelang der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gewesen. Mit Roms verstaubten Ansichten nie so richtig konform, wurde ihm die verdiente Kardinalswürde vom alten Papst erst kurz vor dessen Tod zuerkannt. Kardinal Dr. Karl Lehmann ist ein weltoffener Mann, der sich gerne unter die Leute mischt. Er macht trotz angeschlagener Gesundheit seine Einkäufe auf dem Mainzer Markt, der dreimal wöchentlich rund um den Dom statt findet. Zu einem Schwätzchen ist er gerne bereit.
Nun meine nicht, dass ich erzkatholisch bin.
So hat man mich erzogen, aber es war des Guten zuviel.
Schon mit 14 stand für mich unumstößlich fest, dass ich aus dieser illustren Clique austrete, was ich mit 18 auch tat und seither konfessionslos blieb.
Hosianna.