Mein Kalender soll für alle Fälle gut sein, Ferien-Feiertage-andere Länder-wichtige Geburtstage und Ereignisse, interessante Web-Links - gute Sprüche - viele Fotos und Bilder, Geschichten über meine Katzen, meine Menschen, meine Sachen. Tolle Reisen. Aktuelles, Musik und Humor.
Eine Begegnung an einer Bushaltestelle am Anfang dieser Woche lässt mich nicht mehr los.
In dem Wartehäuschen waren zwei Männer und tranken Wein. Nach kurzem verabschiedete sich der ältere und ging wankend. „Brauchst Du Hilfe?“ rief ihm der Junge nach, den ich Anfang bis Mitte Zwanzig schätzte. Der ältere Mann, etwa Anfang Sechzig, winkte ab und ging schleppenden Gangs weiter.
Normalerweise halte ich mich von alkoholtrinkenden Menschen an Bushaltestellen entfernt, aber es regnete, und ich habe mich hier untergestellt.
„Was soll man mit so einem machen, lässt sich nicht helfen?“ sprach der junge Mann mich an.
„Er wird schon klar kommen, bis jetzt hat er es ja auch allein geschafft“, antwortete ich ihm.
„Morgen wird er am Herz operiert,“ wurde ich informiert. „Er hat schon vier Beipässe. Das wird sehr riskant. Hoffentlich übersteht er das.“
Während er sprach, betrachtete ich den Mann. Er sah sympatisch aus, war auch nicht so sehr betrunken wie ich erst gedacht hatte. „Er hat wenigstens noch eine Chance, ich nicht,“ sagte er. „Heute habe ich Geburtstag. Ich bin 31 und das wird mein letzter Geburtstag sein. Ich muss sterben.“
„Warum denn das?“ fragte ich.
„Lungenkrebs. Die verdammte Raucherei. Es ist unheilbar. Ich habe bis heute auf eine Spenderlunge gewartet. Aber je länger ich warte, desto riskanter wird eine Operation. Es ist sowieso fraglich, ob eine andere Lunge mir noch helfen würde. Heute habe ich in der Mainzer Klinik unterschrieben, dass ich darauf verzichte. Das Warten und Hoffen macht mich nur noch mehr kaputt. Jetzt finde ich mich damit ab, dass ich nur noch ein paar Monate lebe. Ich bin Sanitäter und weiss genau, wie hart es für mich noch kommen wird. Heute 31. Ich bin doch zu jung zum Sterben!“
Ich war betroffen und ratlos, was sagt man so jemand?
Er erzählte, dass er vor einem Vierteljahr bei einem Rettungseinsatz selbst zusammengebrochen war und keine Luft bekommen hatte. Er wurde grad mit eingeliefert und sofort notoperiert. Seine Schilddrüse war so zerstört, dass sie total entfernt werden musste. Sein einer Lungenflügel ist ganz kaputt, der andere auch ziemlich. Heute 31 Jahre jung. Todgeweiht.
Seinen Freund von vorhin hatte er in der anschließenden Reha kennengelernt.
„Wie wollen Sie denn die Zeit verbringen, die Ihnen noch bleibt?“ fragte ich ihn, ein Häuflein Elend, und doch wirkte er entschlossen, zerbrechlich und stark zugleich.
„Weiterleben wie bisher. Ich rauche und trinke und versuche, es mir gut gehen zu lassen. Zum Aufhören ist es sowieso zu spät.“ Sein Sprechen wurde zwischendurch von Husten unterbrochen. „Es wird ein furchtbares Sterben mit viel Schmerzen, ich habe das als Sanitäter schon miterlebt und weiss genau, was auf mich zukommt.“
„Ich würde auch so weitermachen, aber versuchen, jede Kleinigkeit zu genießen und das Schöne zu sehen“, überlegte ich laut.
„Genau das werde ich tun,“ sagte er.
Jetzt nahte der Bus. Ich wünschte ihm für den Rest seines Lebens und zum Geburtstag Glück, und dass er sein Lebensende ohne viele Schmerzen übersteht. Der Mann stand mit mir auf, gab mir die Hand und verabschiedete sich. Er blieb an der Haltestelle zurück, setzte sich wieder mit der Weinflasche hin. Lächelnd winkte er mir im Bus nach, ich ihm zurück.
Es ist sehr traurig.