| Fest verwurzelt in der Erde stehe ich auf meinem mächtigen Stamm. Was bei den Menschen die Haut ist, das ist bei mir die Rinde, die Borke. Meine Borke ist tief gefurcht und wunderschön. Sieh mal genau hin! Ich kann sogar Gesichter machen! Erkennst Du es? In den vergangenen Wochen habe ich mich hübsch gemacht. Nach der kalten Winterzeit war es für mich eine Freude, mein neues grünes Gewand anzulegen. Alle meine Äste und Zweige sind nun mit leuchtend hellgrünen Blättern geschmückt. Ganz oben, das nennen die Menschen die Baumkrone. Ich bin sexy! Ich werde von der Sonne geküsst. Auf mir wachsen männliche und weibliche Blüten - hey, da geht die Post ab!  Duftende weiße Blütenkerzen schmücken meine Krone und laden jetzt, im Frühling, die Bienen, Hummeln, Käfer und viele andere Insekten an, sich an meinem Nektar zu laben. Manche Kastanienbäume tragen rosa Blütendolden statt der weißen.  In meiner Baumkrone bauen Vögel ihre Nester und brüten Eier aus. Zur Zeit werden kleine Vögelchen liebevoll von beiden Eltern gefüttert und bekommen das Fliegen beigebracht. Achje, wie anstrengend es für Tiere sein muss, ihre Früchte – ich meine ihre Jungen – aufzuziehen! Ich habe noch viele andere Bewohner. Meistens sind es Insekten. Leider sind dabei auch kollossal unangenehme Zeitgenossen, die sich gleich in Scharen illegal bei mir einnisten. Tja, was interessiert es einen Baum, wenn ihn ein Hund anpisst. Gar nicht. Auch nicht viele Hunde, kann ich bestätigen. Aber anders ist es mit fiesen Borkenkäfern und Miniermotten. Diese kriminellen Viecher graben sich durch meine Rinde und verbergen sich darunter. Oder sie umhüllen meine Blätter mit Gespinnsten und nehmen mir die Luft. Sie zerfressen mein ganzes schönes Kleid. Das macht mich fertig und meine Gesundheit leidet arg darunter. Dabei bin ich ein Quell des Lebens, wie alle Bäume. Man nennt uns nämlich „die grüne Lunge der Natur“, weil wir vom Stickstoff leben und unsere Umgebung mit Sauerstoff versorgen. Viele Baumarten leben in guter Gemeinschaft auf großen Flächen, die man „Wald“ nennt. Unsere Nahrung gibt uns Mutter Erde, die Sonne und der Regen lassen uns wachsen. So können wir bis 30 Meter hoch werden. Und uralt! Unsere Kastanien-Methusalems sind 1000 Jahre! Dagegen bin ich noch ein Jungspundi, nicht mal dreihundert. Ob ich alt werde? In meinen Alpträumen höre ich manchmal die Motorsäge knattern... Als Heilerin bin ich wohlbekannt. Ob Rachenkatarrh oder Hämorrhoiten, gegen Rheuma oder in Bachblüten. Ich bringe müdes Blut wieder in Schwung und helfe den Menschen mit meiner Naturmedizin gegen alle möglichen Leiden. Den Unsicheren helfe ich zum Selbstbewusstsein, wer psychisch durcheinander ist, den bringe ich wieder in die Reihe. Ja, ich bin gut! Die alten Römer haben mich sogar ihrem obersten Gott geweiht, dem Jupiter! Wir Kastanienbäume stehen gerne in langen Reihen rechts und links neben Straßen und Wegen. Die Menschen nennen unsere Reihen Alleen. Sie mögen uns, sparzieren gemütlich zwischen uns, führen ihre Kinder und Vierbeiner bei uns aus, die uns innigst lieben. Auf Rädern mit oder ohne Motor fahren die Menschen auch gerne durch unsere Alleen. Oft bleiben sie stehen und fotografieren oder filmen unsereins. Auch mit anderen Bäumen sind wir gerne beisammen. Und als Solisten sind wir bewunderte Schönheiten. ...weiterlesen? Klick einfach in das Kritzelbild. |